Bischof Dr. Reinhold Stechers Geleitwort
zu
Judenstein: Das Ende einer Legende.-- Dokumentation
(Werner Kunzenmann, Diözöse Innsbruck, ed., Athesia-Tyrolia, n.d., 5-6)
Die Veränderung in Judenstein erfolgte aus grundsätzlichen Überlegungen, die in der von Johannes XXIII. angebahnten Wende der Kirche in ihrer Einstellung zum jüdischen Volk und den Beschlüssen des II. Vatikanums ihren Ursprung hatten. Es erfolgte keinerlei Pression von seiten irgendeiner außerhalb der Kirche stehenden Gruppe oder Stelle, wenn uns auch allen bekannt war, wie verletzend der wissenschaftlich schon längst als haltlos entlarvte Vorwurf der Ritualmorde für die jüdische Glaubensgemeinschaft war. Was zunächst wie ein dörfliches Problem im Land im Gebirge aussah, zog bald weitere Kreise. Es wurde zum Prüfstein dafür, wie ernst man es in der Kirche mit der Neuorientierung in die Zukunft und mit der Redlichkeit im Umgang mit der belastenden Vergangenheit nehmen wollte.
Auch wenn es im Ort, wo manche zunächst eine schmerzliche Entfernung einer liebgewordenenen Dorftradition verkraften mußten, ruhig ist und die neugestaltete Kirche von Judenstein einen regen Zuspruch hat, ist in manchen Kreisen Österreichs und darüber hinaus die grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Geist des Konzils nicht ausgestanden. Diese ablehnenden Kreise sind in der Kirche nur eine Minderheit, aber das Bemühen, anderen Gesinnungen Raum zu schaffen, ist aktuell wie eh und je. Ich könnte aus der empfangenen Post sehr leicht den Beweis führen, daß antikonziliare Einstellung, Antisemitismus und Fremdenhaß sozusagen kommunizierende Gefäße sind. Auf Grund der Dokumentation, die in dieser Schrift vorgelegt wird, ist die Behauptung, der Anderle-Kult habe mit Antisemitismus nichts zu tun gehabt, nicht zu halten. Die Belege sind zum Teil erschütternd.
Ich muß für die Bewältigung dieser nicht leichten Aufgabe einen Dank nach vielen Seiten hin aussprechen.
Ich danke Johannes XXIII., der diese Frage mit einem seltenen Mut angegangen ist. Ich danke dem Konzil, das die Tore zur Toleranz aufgestoßen hat.
Ich danke der theologischen und historischen Wissenschaft, die die geistigen Voraussetzungen für diese Wende erarbeitete.
Ich danke allen Gremien, Räten und Organisationen, dem Klerus, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Seelsorge und den Religionslehrerinnen und Religionslehrern der Diözese Innsbruck, die mir geholfen haben, diese Sache durchzutragen.
Ich danke den römischen Behörden, die mir für diese Entscheidung den Rücken gestärkt haben, und der österreichischen Bischofskonferenz unter dem Vorsitz Kardinal Königs, die sich in einer eigenen Erklärung solidarisch erklärt hat.
Ich danke dem Stift Wilten, in dessen Zuständigkeit die Pfarre Rinn und Tulfes und mit ihr die Kirche von Judenstein liegen.
Ich danke allen, denen diese Umstellung zunächst schwer gefallen ist und die – vielleicht auch bei der Lektüre dieses Buches – zu ahnen beginnen, daß es hier nicht darum ging, einen Schatz des Glaubens zu beseitigen, sondern einen viel größeren Schatz der Liebe und Wahrheit Jesu neu zu entdecken.
Der gewaltige Stein, den der riesige Wipptalgletscher vor Zehntausenden von Jahren aus der Gegend des Olperers hierher verfrachtet hat, und der wahrscheinlich schon in Urzeiten von dunklen Mythen umwoben war, ist jetzt nach so langer Belastung doch zu einem Monunument der Liebe jenes Jesus geworden, das heute in der wunderbaren Ölberggruppe auf dem Stein dargestellt ist, im Gebet für eine Welt, in der immer wieder die Unmenschlichkeit das Haupt erhebt . . .

English translation coming soon!
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